post von gustav.

im schrank liegt eine alte kiste. in ihr ein fragiler und vergilbter umschlag mit bierbauch, der einen fast vergessenen schatz so umarmt, als wolle er ihn nicht mehr hergeben. fotos und briefe aus fast drei jahrzehnten finde ich darin, die meisten von meinem großvater, aber auch viele von meinen urgoßeltern. nach langem überlegen bin ich zu dem entschluss gekommen, dass ich die geschichten zu diesen dokumenten nach und nach hier erzählen möchte. für alle interessierten, für mich, aber vor allem auch für die schreiber und schreiberinnen der briefe und postkarten, die in ihnen weiterleben.

oft geht mir nahe, was ich dort lese. die verfasser der briefe kenne ich aus erzählungen von verwandten, der großmutter. meist sind es geschichten über brüder und väter und ehemänner. lausbuben- und liebesgeschichten; welche zum schmunzeln und welche, bei denen mir ganz warm ums herz wird. ich bekomme einen knoten im hals, wenn ich daran denke, welche rollen diese männer außerdem gespielt haben im deutschland der 1930er und 1940er jahre. wenn sie hemd und hose ausgezogen und sich mit einer uniform kostümiert haben. vielleicht war es für sie aber auch mehr als reine kostümierung und sie nahmen das alles sehr, sehr ernst. der gedanke hieran lässt den knoten in meinem hals anschwellen, er macht mich traurig und wütend zugleich.

ein bisschen ist es wie malen nach zahlen: viele farben, viele nuancen und schattierungen, viele verschiedene pinselstriche. nur dass am ende kein ganzheitliches bild eines menschen entsteht. ist ja sowieso schon schwierig und kompliziert und komplex, das gesamtbild eines menschen, und jetzt fehlen darüber hinaus noch so, so viele puzzleteile.

die älteste postkarte, die ich in meinem vergilbten briefumschlag gefunden habe, stammt vom jungen gustav, genannt gust, einem von zwei brüdern meiner großmutter. knapp eineinhalb wochen vor der reichspogromnacht schreibt gustav mit bleistift an seine (und meine) familie:

Saarwellingen, 30.10.38

Liebe Eltern u. Geschwister!

Habe Euern [sic] Brief erhalten, hat mich sehr gefreut, dahs [sic] ich wieder mal was von daheim hörte. Ist Karl [der andere Bruder] noch bei August Wagner u. wo liegt Heiner Zeug [der Ehemann von Schwester Lisel]. Schreibt mir bald wieder was ich dann auch tue. Mir geht es gut was ich von Euch auch hoffen werde.

Es grühst [sic] Euch herzlich

Gustav

die vorderseite der postkarte zeigt zwei soldaten mit ziehharmonikas, darunter steht in druckschrift Und abends wird Musik gemacht!

es schaut aus wie zeltlager, nach spaß und guter zeit. eigentlich war es aber ein riesengroßer haufen scheiße, anders kann man das nicht sagen.

in saarwellingen, einer kleinen gemeinde nordwestlich von saarbrücken, ziehen zehn tage nach gustavs nachricht besorgte wutbürger durch die straßen, „jetz krien die juden schläh“ lautet ihre parole. synagoge und wohnungen werden verwüstet, grabsteine umgestoßen, menschen verletzt, physisch und psychisch. ob gustav aktiv mitmacht oder nur als schaulustiger am rand steht, kann heute niemand mehr sagen. im grunde genommen ist es auch egal, denn beides ist fast gleich schlimm, und wie ich schon sagte: ein riesengroßer haufen scheiße.

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