eine geschichte.

gestern war sonntag. ich saß auf meinem schreibtischstuhl, dem von ikea, der wahrscheinlich falsch eingestellt ist. irgendwas ist immer. durch das dreckige fenster sah ich hinaus auf die straße. die sonne schien, der wind spuckte gelbes laub in die luft. wenn es hier windet, dann so richtig, und allemal bei uns am hafen. ich zog die jacke an, steckte handy und schlüssel in die hosentasche, nahm die kamera, ging nach draußen.

von hier nach da lief ich; vorbei an bötchen, industriehallen, spaziergängern. auf einer der brücken, die über den rhein führt, blieb ich stehen. ein paar schnappschüsse nach oben, unten, links, rechts. versuche, ein paar fahrradfahrer und fußgänger auf der gegenüberliegenden straßenseite einzufangen. wie eine paparazza in ausbildung. die sonne schien, der wind heulte, es war bitterkalt. vereinzelt schlenderten menschen an mir vorbei, die mich und meine kamera musterten, mal argwöhnisch, mal interessiert. eine ganze weile stand ich mehr in ludwigshafen als in mannheim und wartete die momente ab, die mir richtig erschienen, um den auslöser zu betätigen. das perfekte bild habe ich an diesem nachmittag nicht geschossen. auch okay.

irgendwann hatte ich keine lust mehr. gleich kommt ’ne bahn, wenn ich mich beeile, krieg ich die noch. energisch stapfte ich zurück richtung mannheim. auf der mitte der brücke sprach mich im vorbeigehen ein mann an. er war nicht allein; vier weitere männer in jeans und kapuzenjacken standen neben ihm. einer hatte eine baseball-kappe auf und stützte sich auf das brückengeländer. vom weitem hatte ich gesehen, wie sie gegenseitig voneinander mit ihren handys fotos machten.

„wie bitte?“ ich hatte ihn nicht verstanden. wegen des windes, der vorbeifahrenden autos, und wahrscheinlich hauptsächlich, weil er so leise gesprochen hatte. er senkte seinen blick zum boden und wurde auch ein bisschen rot, meine ich, aber vielleicht erinnere ich mich falsch und die wangen erröteten, weil es so kalt war. er schaute auf den boden, die vier anderen männer schauten mich an. „ich hab nicht gehört, was du gesagt hast. wolltest du was wissen?“ „kannst du ein foto von uns allen machen?“ er sprach mit einem leichten akzent, immer noch sehr leise. mit dem zeigefinger deutete er auf den fotoapparat in meiner hand. „klar.“

die männer stellten sich nebeneinander, manche lächelten. alle kniffen die augen etwas zusammen, weil die untergehende herbstsonne heute besonders stark schien. ich machte ein gruppenfoto.

„wie kann ich euch das foto denn am besten schicken?“ die männer schauten mich an. „wir sind flüchtlinge“, sagte derjenige, der vorher schon das wort ergriffen hatte. ob die anderen vier mich verstanden, wenn ich mit ihnen sprach, weiß ich nicht. sie schauten mich weiterhin nur an. „wir sind flüchtlinge, wir kommen aus syrien. wir sind sehr froh, dass wir hier sein dürfen. in mannheim.“ wir plauderten kurz und beschlossen, das bild über eine lokale facebook-gruppe für mannheimer und flüchtlinge, in der wir zufällig alle waren, auszutauschen.

wenn ich die bahn noch bekommen wollte, müsste ich mich beeilen. wir verabschiedeten uns. ich hatte mich schon halb von der gruppe weggedreht, als er noch etwas sagte. „das ist schlimm mit paris, schlimm. diese menschen sind sehr, sehr böse. wir sind nicht so wie die. danke für unser foto. danke, dass wir hier sein dürfen.“ ich wusste gar nicht, was ich antworten sollte. „willkommen in deutschland“, stammelte ich und ging.

die brücke entlang ging ich. meine reaktion und mein verhalten fand ich rückblickend sehr unausreichend. ich wollte diesen männern noch etwas sagen; etwas, von dem ich noch nicht wusste, was es war. mich zu verabschieden, nur weil ich zur bahn musste. lächerlich. ich kann immer noch die nächste bahn nehmen. am ende der brücke blieb ich stehen, ich wandte mich um. keine spur mehr von den männern. ich ärgerte mich über die vertane chance, mehr über diese menschen zu erfahren. sie zu fragen, wer sie sind, woher sie kommen, was sie bewegt, was sie gesehen haben, was sie sich wünschen. vielleicht hätten sie mir das alles gar nicht erzählen wollen. vielleicht hätten sie mehr fragen an mich gehabt als ich an sie. wie auch immer.

es war trotzdem eine schöne begegnung. eine begegnung, die zählt. eine begegnung, die ich wertschätze. ichi-go, ichi-e.

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